von
Horst Münch
DIE KATHOLISCHE PFARRGEMEINDE
Kann
man die Anfänge des Ortes Sandhausen (erste urkundliche Erwähnung
1262) nur erschließen, so ist es mit Anfängen der Pfarrei Sandhausen
noch viel schwieriger. Die erste Urkunde stammt von 1359/1360. Dennoch
kann mit aller Zurückhaltung und Vorsicht einiges über die Pfarrei
und eine Kirche sagen.
Sandhausen
gehörte mit Unterbrechung durch die Reformation bis zu Beginn des 19.
Jahrhunderts zur Diözese Worms. Sie war im Mittelalter die kleinste
und ärmste Diözese des Reiches und erstreckte sich etwa 150 km von
Landstuhl westlich von Kaiserslautern über Worms, Weinheim,
Heidelberg, Waibstadt bis ungefähr nach Bad Wimpfen in einem
schmalen, 10 bis 30 breiten km Streifen. Südlich von Walldorf fing
schon das Bistum Speyer an. Die Größe betrug etwa 3300
Quadratkilometer. Eingeteilt war die Diözese in vier Archidiakonate
und zehn Dekanate. Sandhausen gehörte zum Archidiakonat St. Cyriakus
in Neuhausen bei Worms und zum Dekanat Heidelberg. Der Diözesanpatron
und Patron der Wormser Domkirche war der Heilige Petrus. Wie wir aus
einer späteren Urkunde wissen, war die Kirche in Sandhausen ebenfalls
dem hl. Petrus geweiht. Alle alten Peterskirchen, wie die in Kirchheim
und Walldorf, gehen wahrscheinlich auf direkte Wormser Gründung zurück.
Vermutlich war die 1208 abgerissene Lochheimer Kirche auch eine
Peterskirche und die Vorgängerin der Kirche in Sandhausen.
Das Dorf Lochheim wird 1131 das erstemal urkundlich erwähnt. Es lag südwestlich
von Bruchhausen.
1196 wurden zwei Drittel des Ortes mit allem Zubehör an das Kloster
Schönau verkauft, das damit sein Hofgut Bruchhausen vergrößern
wollte.
1198 verkaufte auch der Wormser Bischof seinen Teil samt Kirche und
erlaubte 1208 den Abbruch der Lochheimer Kirche; der Ort war nicht
mehr bewohnt, also brauchte man auch keine Kirche mehr. M. Schaab
vermutet in seinem Buch über die Zisterzienserabtei Schönau, daß höchstwahrscheinlich
Sandhausen die Tradition der Lochheimer Pfarrei fortführte.
Die Sandhäuser Peterskirche lag im Zentrum des Dorfes und stand bis
1756, als sie einem Neubau (der jetzigen alten Synagoge) Platz machen
mußte. In der Festschrift »700 Jahre Sandhausen« schreibt R.
Bitschene: »Bei der Renovierung des jetzigen Gebäudes 1961 wurden
die Fundamente des ursprünglichen Kirchleins entdeckt. Es war viel
kleiner als das jetzige Gebäude und nahm nur den östlichen Teil des
Schiffes ein, zudem verlief die Achse schräg zur heutigen. Die
Mauertechnik der Fundamente und die teilweise erhaltene Kirchhofmauer
lassen vermuten, daß die Kirche um die Mitte des 13. Jahrhunderts
errichtet worden ist.«
Vielleicht stand sie schon, als am 24. Mai 1351 Philipp von Bolanden
gegenüber den Pfalzgrafen auf seine Rechte in Sandhausen verzichtete.
In einer Urkunde vom Dezember 1359 oder 1360 (67/805) können wir
nachlesen, wie Pfalzgraf Ruprecht I., der Gründer der Universität
Heidelberg, sein Patronatsrecht wahrnimmt. Er inkorporiert den
Priestern Siegel Kelirhals, Capellan am St. Johannisaltar, und Hermann
von Laudenburg, Capellan am St. Katharinenaltar in der Kapelle auf der
Burg zu Heidelberg, die Pfarrei Sandhausen. Das heißt nicht, daß
diese Hofkapläne auch Pfarrer am Ort waren. Sie bekamen die Pfründe,
d. h. die Einkünfte aus der Pfarrei. Zur Ausübung der Seelsorge,
also der Pflichten, die eigentlich mit der Pfründe verbunden waren,
bestellten sie einen Vertreter, der am Ort wohnte und oft mit
geringeren Einkünften auskommen musste. Viel ist es nicht, was uns
die alten Urkunden über diese »Priester für die Leute« (in
lateinischen Urkunden plebanus genannt) sagen.

1384
heißt es in einem Rechtsspruch über den Zehnten in St. Ilgen »das
soll eyn pferrer zu Santhusen auch tun, als vor gesagt ist« . . . »die
von Sant Gilgen bewarn mit dem sacrament unsers herren lychnam (= Leib
des Herrn wie in Fronleichnam; erst später bekommt das Wort die
eingeengte Bedeutung), ölung und deufung (Krankensalbung und Taufe)«
(67/876 fol. 196).
1386 wird die Mitzuständigkeit des Pfarrers von Sandhausen schon
wieder aufgehoben.
1393
treffen sich, wie zweimal im Jahr üblich, die Geistlichen der beiden
Landkapitel Weinheim und Heidelberg zu einer Seelenmesse und zu
Gerichtsverhandlungen in Ladenburg. Von einer solchen Zusammenkunft
ist eine Urkunde erhalten:
»in
dem jare ob man zalte von Cristus geburte dusent druhundt darnoch in
dem druund nuntzigsten Jare ... an dem dritten tage des brachmandes
(Brachmond: alte Bezeichnung für Juni) das do was der nehst dinstag
noch der heiligen drmalerkeittag (der Dreifaltigkeitssonntag, der
erste Sonntag nach Pfingsten) in der pfarrekirchen sanct Gallen zu
landebg (Ladenburg) Wormßer Bistums ... « Unter den Geistlichen ist
auch »Gunther ph´rer (Pfarrer) zu Santhusen«. (DA)
1425
siegelt Jacob, der Pfarrer (von Sandhausen), genannt Bersich von
Schrießheim eine Urkunde, in der Johannes Sigelmann, Bürger zu
Heidelberg und seine Ehefrau Katharina 2 1/2
Pfund Heller verkaufen unter Verpfändung von Wiesen in Bruchhauser
und Sandhauser Gemarkung (67/1800 fol. 147). Die Bersichs waren eine
angesehene Schriesheimer Familie, die zu der Führungsschicht gehörte.
1460 tauscht Pfarrer Valentinus mit Schönau Äcker (67/1800, fol.
151).
Thausch der Pfarr zu Sandthuß vnd denen von Schönaw äcker halben Im
lochheimer feldel Ich Valentinus vonn Darmstat vf diße Zeit Pfarrer
Zu Sandthaußen p.
Diser
Pfarrher Bekennt demnach er zween morgen ackers seiner Pfarren
Zustenndig Im Lochheimer feldt zwischen denn zweyen Bächen gelegen
geforcht vf allen seiten die vonn Schönaw, die Ime entlegen deßwegen
er ein wechsel oder thausch mit denen vonn Schönaw troffen. Als das
sie Ime Vier morgen ackers als weith vnnd breit die Vndersteint seindt
Im lochheimer feldt zwischen dem Sandtberg vnd der Seebach gelegen,
geforcht auch vf allen seiten denen von Schönaw, für die obengemelte
zween morgen zugestellt, vnd Jedem Thail dem andern seins acker für
Zehendt vnd aller beschwerung für frey ledig vbergeben. Mit
obgenannts Pfarrhers auch Jörg Schindlers vnd Jörg Emerichs
anhangenden Insigeln bevestiget datum Anno 1460 vf Laurentii (10.
August)
Die Größe der Pfarrei Sandhausen läßt sich aus dem
Steuerverzeichnis von 1439 erschließen. Es wurde anläßlich einer
Sonderabgabe angelegt; Pfalzgraf Otto von Mosbach schrieb für sein Mündel,
den Kurfürsten Ludwig IV., eine Notbede aus. 50 Steuerzahler sind für
Sandhausen aufgeführt, daraus lassen sich 230‑350 Einwohner
errechnen (66/ 3482).
So
trocken und nüchtern sich das Zinsbuch des pfälzischen Kurfürsten
von 1476 (66/3484) auch darstellt, es verrät uns einiges über die
Pfarrgemeinde in Sandhausen.
Neben anderen Zinseinnahmen werden in der Aufstellung über die »Martinß
zinse zu Santhusen« genannt:
der Pfarrer » einsit der pferrer« (6 x) die »Heiligen zu Santhusen«
(14 x) »der Crutz altare zu leymen« (3 x) » die Ellend Kertze« (7
x)
Was
hat es damit auf sich? Der Pfarrer hat Wiesen, Äcker und Gärten (gartten),
die zum Pfarrgut gehören und die er nicht selbst bewirtschaftet,
verpachtet und bekommt dafür am 11. November, dem Martinstag, Zinsen.
Mit den »Heiligen« ist der Kirchenfond gemeint, das Kirchenvermögen,
das zum Unterhalt des Langhauses diente. In einer späteren Urkunde
wird es uns als Kirchen oder Heiligenvermögen (lat. fabrica) wieder
begegnen.
Weitere Zinsen bekam der Kreuzaltar der Pfarrkirche in Leimen. Dieses
Geld wurde von frommen Leuten gestiftet, damit an diesem Altar eine Frühmesse
für Verstorbene abgehalten würde. (Durch solche frommen Stiftungen
kamen viele Klöster und Kirchen zu Geld, bzw. zu Grundbesitz. Diese
Stiftungen und Schenkungen waren eine Art »Versicherung fürs
Jenseits«. Durch Kauf oder Schenkungen hatten Grundbesitz in
Sandhausen: Die Zisterzienser von Schönau, die Nonnen des Klosters
Lobenfeld, die Augustiner in Heidelberg und die Deutschordenskommende
in Weinheim.)
Bleibt noch die Erklärung für »die Ellend Kertze«. Das ist der
Name einer Bruderschaft, die wohltätigen Zwecken diente,
Krankenversicherung usw. gab es ja noch nicht. Das Bruderschaftsvermögen
ist streng von dem des Pfarrers und dem der Kirche getrennt.
Noch nach der Reformation wird ein Bruderschaftsgut mit 20 Morgen in
Sandhausen erwähnt. Bruderschaften bildeten sich gegen Ende des
Mittelalters, zuerst in Italien, Laienbewegungen in Anlehnung
an die großen Bettelorden. Genaueres wissen wir von der Rohrbacher
Bruderschaft, die 1450 gegründet wurde »dem allmechtigen Got zu
lobe, Marien der Mutter der Barmherzigkeit und allem himmlischen Here
zu eren und unser Altfordern, auch allen armen ellenden gleubige
seelen zu trost, sture und huellfe«. Jährlich um die Weihnachtszeit
werden zwei Kerzenmeister gewählt, die das Bruderschaftsvermögen
verwalten.
Ähnlich kann es auch in Sandhausen gewesen sein.
Einen
weiteren kurzen Hinweis auf Sandhausen finden wir im Frankfurter
Stadtarchiv. Dort liegt ein Teil der Listen von der Erhebung des »Gemeinen
Pfennigs«. Kaiser Maximilian setzte 1495 die Zahlung dieser Steuer
auf dem Reichstag zu Worms durch. Erhalten sind u. a. die Listen der
Geistlichen des Dekanats Heidelberg. Der Sandhäuser Pfarrer Theobald
zahlt 18 Weißpfennig Steuern und gehört damit zu der 11.
Steuerklasse. (Die Pfarrer der Nachbargemeinden Leimen, Kirchheim und
Walldorf hatten größere Einkünfte und gehörten der 1. Steuerklasse
an.) (Fft RSN 2449 111 2f.6') Wie unsere Vorfahren - gemeint sind die
einfachen Leute - lebten, erzählt uns keine Urkunde, ebenso wenig
erfahren wir von ihrem Beten in den vielen Zeiten der Not, wenn Überschwemmung
oder Dürre, Seuchen oder gar Krieg mit Plünderung und Zerstörung
sie heimsuchten.

Im
Anschluß an die Bistumssynoden fanden meist eingehende Visitationen
der Diözesen statt, die Zustände sollten nach den verschiedensten
Richtungen eingehend geprüft werden. In der Diözese Worms führte
Johann von Dalberg (1445-1503), Bischof von Worms und kurpfälzischer
Kanzler, diese Prüfungen durch. In seinem Auftrag bereiste eine
Kommission die ganze Diözese und Jakob Stoll, Pfarrer von Alsheim bei
Worms, verfaßte als Mitglied dieser Kommission 1496 das sogenannte »Wormser
Synodale« in lateinischer Sprache. 263 Pfarrkirchen, Filialkirchen
und Kapellen werden aufgeführt, darunter auch:
»Sandthusen
Ecclesia parochialis, st. Petrus patronus, cappelani in castro
Heidelbergensi conferunt. lbidem altare st. Catharinae consecratum
tantum. Quatuor jurati. Commissarius suscipitur ut supra.
Cathedraticum: 12 alb, 4 den. Jus clavium 2 ß den, dat fabrica.
Synodalia:- legitimus 1 den, maechanicus 2 den. vidua 2 den. faber
babata et habet prandium cum servo. Pastor conservat chorum, domum
plebani; fabrica corpus, turrim, omnia ornata ac neccessaria. Plebanus
et jurati disponunt aedituum et est etiam custos et saepe fiunt ex eo
negligentia: piebanus animalia seminalia. Fabrica habet singulis annis
16 £ hl., 3 £ cerae, 12 £ olei, nulla debita, nulla prompta.« (ZGO
27. Bd., 1875 S. 445)
In
freier Übertragung heißt das: Sandhausen hat eine Pfarrkirche,
Patron ist der hl. Petrus. Die Schloßkapläne haben das
Besetzungsrecht. Dort ist ein Altar der hl. Katharina, nur geweiht. Es
gibt 4 Kirchengeschworene. Der bischöfliche Kommissar wird, wie oben
genannt, aufgenommen. Die Kathedralsteuer beträgt 12 Weißpfennig, 4
Denare. Die Steuer auf das Schlüsselrecht beträgt 2 Schilling Denare,
sie wird aus dem Kirchenfond erhoben. Als Synodalabgabe zahlt jeder
freie Eigentümer eines Gutes oder Hofes 1 Denar, jeder Handwerker 2
Denare, jede Witwe 2 Denare. Der Hufschmied hat Hufeisen zu geben und
bekommt mit seinem Knecht ein Frühstück. Der rechtmäßige Pfarrer
(also die Hofkapläne) unterhält den Chorraum und das Haus des
Ortspfarrers, der Kirchenfond unterhält das Kirchenschiff, den Turm,
allen Ornat (Gewänder) und das sonst Notwendige. Der Ortspfarrer und
die Kirchengeschworenen stellen den Meßner an. Er ist auch Wächter
und durch diesen Sachverhalt kommt es oft zu Nachlässigkeiten. Der
Ortspfarrer hat die Pflicht, die Vatertiere (also Farren, Eber,
bisweilen auch Ziegenbock) zu unterhalten. Die Erträgnisse der
Pfarrpfründe betragen jährlich 16 Pfund Heller, 3 Pfund Wachs, 12
Pfund Öl; keine Schulden, kein Guthaben.
Zum
besseren Verständnis der Obersetzung noch einige Anmerkungen: Auch für
Sandhausen haben wir das übliche Schema: Zuerst kommen die
rechtlichen Verhältnisse mitsamt den Altären und eventuellen
Stiftungen.
An zweiter Stelle kommen die Abgaben und Steuern, die der Bischof erhält.
An dritter Stelle ist geregelt, wer für den Unterhalt der Kirche zuständig
ist, und zum Schluß werden die Erträgnisse des Kirchenvermögens
aufgezählt.
Wie
uns schon die Urkunde von 1359 zeigte, hat der Pfalzgraf die Pfarrei
der Hofkaplanei inkorporiert: Sie hatte das Recht, die Pfarrstelle zu
besetzen, und damit verbunden auch das Recht der Zehntnutzung. Ursprünglich
war dieser Zehnte eine rein kirchliche Abgabe und wurde von den Gläubigen
entrichtet zum Unterhalt der Kirche, des Pfarrers und für Almosen.
Diese Abgabe konnte später durch Tausch, Kauf, Vergebung oder
Schenkung übertragen werden, was im Falle Sandhausens mehrfach
geschehen ist. Der rechtmäßige Pfarrinhaber sorgte dann für einen
Stellvertreter, der alle geistlichen Aufgaben des Pfarramtes
uneingeschränkt und selbständig erfüllte.
Die
Peterskirche hatte einen der hl. Katharina geweihten Altar (vielleicht
in Anlehnung an den Katharinenaltar der Schloßkapelle?). Diese
Heilige gehört zu den vierzehn Nothelfern, deren Verehrung im 14.
Jahrhundert in Süddeutschland begann. Die Beliebtheit der hl.
Katharina im Volk hat sicher auch mit dem Gebet zu tun, das ihr die
Legende kurz vor ihrer Hinrichtung zuschreibt: »Die Hände zum Himmel
erhoben erflehte sie vom Herrn: Er möge allen, die sich aus Liebe an
Katharina erinnern, stets Brot und Wein in Fülle sowie die Gesundheit
des Leibes und andere irdische Wohltaten gewähren. Alle Verehrer
Katharinas mögen beschützt sein vor jeglicher Naturkatastrophe, vor
jeder Krankheit und besonders vor dem Übel eines »plötzlichen Todes«.
Niemand, der ihren Namen anruft, soll ein Glied verlieren, eine
Fehlgeburt erleiden oder in den Wehen sterben. Für alle erfleht sie
schließlich die Verzeihung der Sünden.« Soweit die Legende.
In dieser Zeit ist Katharina auch ein häufig gewählter Vorname. Im
Gegensatz zu anderen Orten der Umgebung ist für den Katharinenaltar
keine besondere Stiftung bekannt wie z. B. für den Kreuzaltar in
Leimen. Darum heißt es auch: »Der Altar ist nur geweiht.«
Die vier Kirchengeschworenen hatten den Kirchenfond zu verwalten bzw.
die rechtmäßige Verwaltung zu überprüfen und mit dem Pfarrer den
Meßner zu bestellen.
Die Aufnahme des bischöflichen Kommissars, seiner Begleiter und der
Pferde war genau vorgeschrieben, ebenso, wer für die Bewirtung zuständig
war und wer aus der Gemeinde an den Mahlzeiten teilnahm. Da das in
vielen Gemeinden ähnlich geregelt ist (»wie oben genannt«), wird es
für Sandhausen nicht eigens aufgeführt. Von drei verschiedenen
Steuern ist die Rede. Die Kathedralsteuer wird an die Kathedrale, die
Bischofskirche abgeführt. Die zweite Steuer, die Abgabe für das Schlüsselrecht,
weist darauf hin, daß ursprünglich nur der Bischof das Recht
hatte, von Sünden loszusprechen. Dieses Recht, wie übrigens auch das
Recht zu taufen, wurde an die Pfarreien abgetreten. Die dritte Steuer
diente der Finanzierung der Synode. Interessant ist auch, daß die
Baupflicht zweigeteilt war. Für den Unterhalt von Langhaus und Chor
gab es verschiedene Zuständigkeit. Auch nach der Reformation spielen
alle hier festgestellten rechtlichen Verhältnisse eine große Rolle.
Hl. Katharina mit den Symbolen aus der Legende ihres Martyriums (nach
einer Darstellung aus dem 15. Jahrh.)
In
manchen Synodenberichten ist auch von Mißständen die Rede. In
Sandhausen bekommt nur der Meßner einen Tadel ab; Nachlässigkeiten
sind allerdings von seinem Doppelamt her verständlich. Mit der
Pflicht, für die Vatertiere zu sorgen, sollte später der reformierte
Pfarrer in Leimen als Rechtsnachfolger noch große Schwierigkeiten in
Sandhausen bekommen.
Die
in dem entsprechenden Kirchheimer Abschnitt des Wormser Synodale wähnte
St. Wolfgangskapelle wurde sicher auch von Sandhäusern aufgesucht.
Sie lag auf dem Gebiet der Schönauer Mönche. Beim Ausbau der Straßenkreuzung
Judenchaussee/Kirchheimer Weg wurden ihre Grundmauern von einer
Kirchheimer Gruppe unter Dieter Neuer 1968 ausgegraben. (Die
Mauerreste liegen heute noch unter der Kreuzung. Eines dürfte auch
sicherstehen: nach dem Dreißigjährigen Krieg konnten Sandhäuser
Katholiken sie nicht mehr zum Gebet aufsuchen, denn 1653 schreibt der
Hühnervogt »Undt die Capellen zu St. Wolfgang da daß Ometh liegt«
was heißt, daß sie inzwischen als Heuscheuer benutzt wurde.

Das
Wormser Synodale ist die letzte Urkunde, in der von der Pfarrgemeinde
Sandhausen zu lesen ist, erst wieder 1671 sind Katholiken in
Sandhausen urkundlich erwähnt. (Um 1600 hatte die Diözese Worms
ganze 15 Pfarreien.) Es kann nun nicht Aufgabe dieser kurz Geschichte
der katholischen Gemeinde sein, einen Überblick über die
Reformationsgeschichte zu geben oder sie gar zu beurteilen. Einige
Hinweise mögen genügen.
Wahrscheinlich werden nach 1517 die einfachen Leute manchen Gedanken
Luthers aufgeschlossen gegenüber gestanden haben. Auch Kurfürst
Ludwig V. (1508-1544) war ehrlich um einen Ausgleich zwischen den
Religionsparteien bemüht. Er blieb dem alten Glauben treu, verfolgte
allerdings die Anhänger Luthers in seinem Gebiet nicht. Sein Bruder
Friedrich II., der ihm 1544 in der Herrschaft folgte, war innerlich
Anhänger der Reformation (Weihnachten 1545 feierte er in der Schloßkapelle
»Abendmahl« und am 3. Januar 1546 in der Heiliggeistkirche einen
ganzen Gottesdienst auf lutherische Art); politische Gründe, auch die
Angst um den Verlust der Kurwürde, hielten ihn jedoch von der Einführung
der Reformation ab. 1556 resignierte Kaiser Karl V., und im gleichen
Jahr wurde Ott-Heinrich Kurfürst. Er ist der Reformator der Pfalz. In
drei Jahren beseitigte er die alte Kirchenorganisation vollständig
und machte sein Territorium lutherisch. Das war jetzt keine spontane
Volksbewegung mehr, sondern wurde zentral geplant. Nach dem Augsburger
Religionsfrieden bestimmte der Landesherr die Religion seiner
Untertanen auch offiziell. Über die Pfarrer im Amt Heidelberg heißt
es, daß »vasst alle . . . zum tail Papisten oder aber sonnst
vngeschickte vnd vngelerte Leut seind / Zudem arm / die sich auch mit
lrer aignen Handt arbeit / kömerlich des hungers erwern mögen. «
In
einem Edikt wurde den Pfarrern die Abschaffung der »bapstlichen meß«
befohlen, »sacramentsheuslein (Tabernakel), ölebüchsen, gesegnete
öle oder chrisam, wei(h)wasser, saltz, palmen, lichter und was deren
abergläubigen stuck mehr sein«
mußten abgeschafft werden, Seelenämter und Prozessionen wurden
untersagt. Fastnachtstreiben und Festgelage mußten als satanische
Erfindungen unterbleiben. Während aber Ott- Heinrich, um den Zorn des
Volkes zu vermeiden, in aller Stille vorging, beseitigte sein
Nachfolger Friedrich III. (1559-1576) alle Reste der alten Kirche. Häufig
setzte sich der Kurfürst selbst an die Spitze der Bilderstürmer. Er
führte die calvinistische Lehre ein, alle Ketzer, auch teilweise
Lutheraner, wurden aufgespürt, verfolgt und ausgewiesen. »In keinem
Teil Deutschlands wohl hat sich der religiöse Fanatismus so
wechselvoll und gründlich ausgelebt, wie in der Kurpfalz«, schreibt
Benz in seinem Heidelbergbuch.
In einem Zeitraum von etwa 100 Jahren mußten die Untertanen achtmal
ihren Glauben wechseln. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde
der katholische Gottesdienst wieder eingeführt:
1622-1632
und 1635-1648 war die rechtsrheinische Unterpfalz unter der Herrschaft
des katholischen Bayernfürsten. Karl-Ludwig (1649-1680) führte das
reformierte Bekenntnis wieder weitgehend ein. Katholiken lebten zwar
in seinem Land, aber jede öffentliche Ausübung ihrer Religion war
ihnen streng verboten. Taufen und Trauungen mußte als offizieller
Standesbeamte der reformierte Pfarrer vornehmen und der
Gottesdienstbesuch außerhalb der Landesgrenzen wurde nach Möglichkeit
verhindert.
1671
schreibt der reformierte Pfarrer von Leimen, der auch für Sandhausen
zuständig war, dem »Churpfaltz Kirchenrat«» Sandthaußen 47
familias, worunter 16 papisten (Katholiken) und 8 lutherischen
personen« (63/12 S. 295 f.). In Leimen waren es »an papisten 23«,
und in St. Ilgen waren »12 papistische personen«. Eine entscheidende
Änderung brachte das Jahr 1685.

Der
neue Kurfürst Philipp Wilhelm (1685-1690) aus der Linie Pfalz Neuburg
war Katholik. Er brachte katholische Beamte mit, bemühte sich aber um
einen Ausgleich. Noch vor seiner Huldigung erließ er ein Verbot aller
Religionsdispute und Streitigkeiten. Leider fällt in diese Zeit eine
der sinnlosesten und grausamsten Zerstörungen. Wegen angeblicher
Erbansprüche läßt der franz. König Ludwig XIV die Pfalz
niederbrennen. Am 28. Januar 1689 wurden auch in Sandhausen sämtliche
Häuser durch die Reiter Mélacs in Brand gesteckt. Erst mit dem
Friedensschluß von Ryswick (1697) hatte das Leid der Bevölkerung ein
vorläufiges Ende. Inzwischen war Johann Wilhelm (1690-1716) Kurfürst.
Die Menscher waren trotz gemeinsam erlebter Not und Gefahr unduldsamer
gegeneinander geworden. Der Kurfürst zeigte nicht mehr die Toleranz
seines Vaters und bevorzugte eindeutig die Katholiken. Allerdings war
die Zeit vorbei, in der der Landesherr einen Religionswechsel
erzwingen konnte. Auch zwischen Lutheranern und Reformierten kam es zu
Spannungen. Zu den Katholiken, die seit der Gegenreformation im Dreißigjährigen
Krieg noch im Lande wohnten, kamen neue. Die völlig geschwächte Diözese
Worms konnte kaum Geistliche stellen. So hatte schon Philipp Wilhelm
bei seinem Regierungsantritt Jesuiten und Karmeliter ins Land gerufen.
1698 wurde den Franziskanern ihr altes Kloster wieder eingeräumt. Der
Heidelbergstich von Merian aus dem Jahre 1620 zeigt die Klosteransicht
zu Füßen des Schlosses. Nach der Zerstörung durch die Franzosen
wurde das Kloster in seiner alten Form wieder aufgebaut, was uns ein
Kupferstich von 1787 bestätigt. (Nach 1803 wurde es abgerissen. Beim
Bau der Tiefgarage am Karlsplatz wurden Fundamente des alten Klosters
freigelegt). Über mehr als 100 Jahre stellte das Heidelberger
Franziskanerkloster die Seelsorger für Leimen und seine Filialorte.
1698 legt ein Franziskanerpater aus Heidelberg das Kirchenbuch für
Leimen an. Titel und Eintragungen sind lateinisch.
Liber Baptiratorum,
Copulatorum, Mortuorum necnon Conversorum per A P. Franciscanos
Missionaries in Nüßloch, Laimen, Sandhaußen, Sanct llgen, Rohrbach
(Eingefügt Pleikartsforst, Lingenthal) und Kirchheim ab Anno 1698
Die
erste Eintragung bezieht sich gleich auf Sandhausen:
Anno 1699 die 4.
Januarii in Sandhausen baptizata est ex legitimo thoro honesti viri
Caspari Rincker et Catharinae Rinckerin Amantissima filia Anna Barbara
Rinckerin. patrina erat multum virtuosa Anna Barbara Rauchin
protempore praetorissa.
Am
4. Januar wurde Anna Barbara Rinckerin in Sandhausen getauft. Ihre
Patin war die Frau des Schultheiß.
Die
Zahl der Taufen ist anfangs gering: 4 im Jahr 1699, dann bis 1721 im Höchstfall
3 (für Bruchhausen läßt sich ähnliches sagen). Eheschließungen
sind es ein bis zwei pro Jahr; letzteres bleibt auch im Durchschnitt
der Jahre bis 1765, während die Zahl der Taufen mehrmals 10, einmal
sogar 11 beträgt. Bis 1720 ist im Durchschnitt eine Beerdigung, nur
1718 sind es 5. Eine Statistik von 1727 (145/364) zählt in Sandhausen
293 Personen, darunter 78 Katholiken.
Die
Zuständigkeit der Franziskaner, die bis zur Aufhebung ihres Klosters
(1802) die Seelsorge versahen, wird mehrmals bestätigt; auch sonst
sind die Urkunden aus den Kompetenzbüchern für uns interessant. 1709
(63/18b) heißt es:
»Die
Pfarrey Laymen wäre mit dieser Pfarrey (gemeint ist Nußloch, das
inzwischen einen eigenen Geistlichen hatte) wohl zu combinieren, es
haben aber Ihro Churfürstl. Durchlaucht gnädigst befohlen, daß die
P. P. Franciscani fernerhin bey ihrer bisherigen Bedienung der Pfarrey
Laymen, bis auf weitere Verordnung gelassen werden sollen....
Denen
P. P. Franciscanis bleibt ihre bisherige Competenz wegen Versehung der
Pfarrey Laymen samt deren Filialen Sandhaußen, Kirchheim, St. Ilgen,
Rohrbach. «1728 (63/21 Seite 211) lesen wir: »Den Pfarrdienst
versehen die H. H. P. P. Franciscani zu Heydelberg ... Zu dieser Pfarr
gehören noch die verschiedenen Orte als Rohrbach, Kirchheim,
Bruchhausen, Sandhausen, St Ilgen etc. .. . es wird aber nirgends als
zu Leymen der Gottes dienst gehalten, außer daß zu St. Ilgen allwo
den Catholischen die Kirch zugefallen, die Kirchweye dann wann
gottesdienst und im übrigen bey nothfällen mit nöthiger Versehung
an hand gegangen werde, der weiteste Ort ist 3/4 der nechste 1/2-
Stund von Leymen«.
Von
1690 bis 1705 war der Gottesdienst auf Befehl Kurfürsten in der
Kirche der Reformierten; über die Gottesdienstzeiten mußte man sich
einigen. 1698 wurde ein eigener Altar vor dem der Reformierten
gestellt. Nach der Religionsdeklaration von 1705 bekamen die
Katholiken kurfürstliche das Kelterhaus in der Nußlocher Straße als
Kirche. Das Gebäude war in einem schlechten Zustand, es regnete
herein, der Altar stand unter Wasser. Einmal (1721) war der
Wassereinbruch stark, daß die Leute bei der Kommunion im Wasser
knieten. 1725 war der Aufhalt mit Lebensgefahr verbunden. Man riß das
Kelterhaus ab und begann mit dem Bau einer Kirche nach Planungen von
Baumeister Breunig. An den Fronfahrten mußten sich die
Nichtkatholiken beteiligen. Zu den Baukosten wurden auch die Filialen
herangezogen.
1727
war die Einweihung. »In feierlicher Prozession zogen die Gläubigen
zum Gotteshaus. Vom Berge donnerten Böller, aus den Häusern gab man
mit Flintenschüssen der Freude Ausdruck. Der Gemeindewald hatte die
Birken gestellt, um die Straßen zu schmücken, und die Kinder
streuten Blumen. Voran schritt die weltliche Behörde mit dem
Centgrafen Cuntz an der Spitze, dann folgte Pater Antonio unter dem
Baldachin, umgeben von seinen Ministranten. Zahlreiches Volk aus
Leimen und der ganzen Umgegend, vor allem auch aus den Filialen, schloß
sich an. Durch die Eingangspforte, die stolz den Baubeginn 1725
verzeichnet, ging es in das Kircheninnere zum Festgottesdienst, und
das Kirchlein konnte an dem Tag kaum alle Gläubigen fassen.
Nun
hatte die Gemeinde auf lange Jahre hinaus ein Gotteshaus, das, wenn es
auch klein war, den Bedürfnissen genügte. Der Dachreiter war ein
Zwiebelturm, in dem ein Meßglöckchen hing. Die Glocken, die zu
sonstigen kirchlichen Handlungen riefen, waren die der reformierten
Kirche. Im Innern wurde nach und nach alles aufs beste eingerichtet
... nur die Filialisten gaben darin ein schlechtes Beispiel. Immer
wieder mußten sich die Geistlichen beschweren, wie lax sie in der
Ausführung ihrer gesetzlichen Pflichten und Leistungen waren und ohne
mehrfache Mahnung überhaupt nichts gaben«.
(Bis 1921 als Gotteshaus benutzt, wurde die Kirche inzwischen
abgerissen). Nachdem bisher die Patres immer aus Heidelberg kamen,
wohnte der zuständige Pater ab 1731 in Leimen.
In
Sandhausen wird 1742 an der Stelle, an der früher einmal das
Pfarrhaus stand, ein neues Rathaus errichtet. Vom 6. April dieses
Jahres haben wir eine Urkunde mit einer Bitte der katholischen
Gemeinde »damit ihnen erlaubt werden mögte, anß alldasigem new
erbauten Rathhauß künftighin ihren Gottesdienst halten zu dörften«.
(229/91215).

Wenn
eine Gemeinde eine eigene Pfarrei sein will, braucht sie zuerst einmal
ein Gotteshaus. Letzteres hat Sandhausen bald erreicht - und von daher
ist dann auch die mangelnde Bereitschaft zu verstehen, für die
Mutterkirche in Leimen sich einzusetzen - bis zur eigenständigen
Pfarrei sollte es noch einmal 100 Jahre dauern. Was den Bau der Kirche
angeht, so können wir aus Protokollen der Geistlichen Administration
in Heidelberg vom 10. Oktober 1756 entnehmen, daß von der »Churpfaltzisch
hochlöbliche Regierung« ein Generale (eine Verfügung), »welches ad
Supplicam (zur Unterstützung) der Catholischen Gemeind Sandthaußen,
umb Ertheilung einer Collectenpatent zu ihrem Vorhabendten neuen
Kirchen Bau in alle Oberambtern Heydelberg samt Stätt erlaßen
wordten, daß die geistliche Administration zu diesem nun üblichen
behend gleichfalß eine ... Beysteuer thun und solche dahin Einstecken
möge.«
Diese
genehmigte Kollekte war keine Sammlung in den Kirchen, sondern in den
Rathäusern. Weiter lesen wir, daß die geistliche Administration »zu
behend dieses Catholischen Kirchenbaues zu Sandthaußen 600 fl
(Gulden) und zwaren 200 fl beym anfang solchen 200 fl in der mitten
des Baues, undt endtlichen 200 fi wann alles fertig, als eine
Beysteuer nach der Catholischen Casse Zustand bewilliget, folglichen
den ersten Terminum mit 200 fl denen unterthanen unterm heutigen Dato,
zu einstweiliger anschaffung benöthigter Bau-Materialien bereits habe
auszahlen laßen. Churfürstl. hochlöblicher Regierung anheim gebendt,
wohin der rest Suo tempore (zu gegebener Zeit) auszuzahlen seye. «
(229/91215)
Pläne
oder Urkunden über den Bau selbst sind keine aufzufinden. Auch eine
Freilegung des Grundsteins im März 1984 brachte leider keine näheren
Auskünfte. Unser Mesner Hans Biebl fand nur mit Mörtel verbundene
Sandsteinbruchstücke im hohlen Grundstein.
Wir wissen auch nicht, wie die Gemein das weitere Geld aufbrachte.
1786 scheint Johann Goswin Widders »Versuch einer vollständigen
Geographisch- Historischen Beschreibung der Kurfürstl. Pfalz am
Rheine«. Darin lesen wir: »Die Katholischen haben im J. 1766 eine
eigne Kirche zum H. Bartholomäus aus gesammelten Allmosen erbaut, die
aber nur ein Filial der Pfarrei Leimen ist, worin kein ordentlicher
Gottesdienst gehalten wird.«
Wie
wir aus einem späteren Brief wissen, war zumindest seit 1783 in
regelmäßig Abständen Gottesdienst. Von der auf dem Dünenkamm
errichteten Kirche heißt es noch 1802: »die hiesige Catholische
Kirch ist vor dem Orth, und hat noch an der Kirch einen
gemeinschaftlich Kirchhof«. (145/365)
Heute liegt die Kirche mitten im Ort. Von der jetzigen Bartholomäuskirche
brauchen wir uns nur Querschiff und Turm wegdenken, dann haben wir das
alte Kirchlein vor uns. Aus der Fassade schaut die Figur des
Kirchenpatrons St. Bartholomäus auf uns herab. Von der alten
Innenausstattung sind noch die Kanzel und der Marienaltar erhalten,
der ganz ähnliche Josefsaltar wurde erst nach dem 2. Weltkrieg
geschaffen.
Aus
der Zeit um den Kirchenbau hat auch Sandhausen, wie viele der
umliegend Gemeinden, seinen Glockenstreit. Es geht zwar nicht um
Kirchturmschlüssel oder Läuten während des Gottesdienst der anderen
Konfession, sondern um die Weihe einer Glocke.
Der reformierte Pfarrer Gervinus schreibt am 2. 10. 1768:
»
Was das neu erkaufte Glöcklein angeht so hat es mit demselben
nachfolgen beschaffenheit; Nachdem die alte Glocken auf der Ref':
Kirch waren verlohren gegangen, so war gar keine Glock mehr in dem ort
Sandhausen; daher die sämt' bürgerschaft dreyer Religionen war eins
worden, eine gemeinschaftliche Glock anzukaufen, und dieselbe auf den
Reformirten Kirchthurm zu hencken, damit wann etwa durch feuer oder,
Wassernoth unglück entstehen mögte, man doch der ganzen bürgerschaft
ein zeichen mögte geben können; welche gemeinschaftliche Glock eine
zeitlang in dem Reformirten Kirchthurm gehangen war, hernach aber
gesprungen ist, und auch wiederum aus gemeinen Mitteln ist umgegoßen
worden; Alß aber die umgegoßene Glock in abweßenheit des Schultheißen
Meixner wieder ist aufgehangen worden, welcher dieselbe zwar gern
hatte wollen einweyhen laßen, so sind die gemeinds leuthe beyder
Religionen deswegen in große streitigkeiten gerathen, und nachdem die
sach an Hochlöblichen Reformirten Kirchen Rath war berichtet worden,
so ist von Hochdemselben gerathen worden, daß die Reformirte dem
streit anzuhelffen, die gemeinschaftliche Glock eigenthümlich an sich
erkaufen sollten, welchen Hohen Rath die Sandhauser Reform': gemeind
auch gefolget hat«. (229/91216 158).
Warum
also der Streit? Der vom Kurfürsten eingesetzte katholische Schultheiß
wollte, wie es für Katholiken Brauch ist, daß die neue Glocke
geweiht wird. Genau das aber wollten weder Reformierte noch
Lutheraner. Geschickt nutzten sie die Abwesenheit von Schultheiß
Meixner und schafften vollendete Tatsachen, indem sie schnell das
gemeinsame Glöcklein den Kirchturm hinaufzogen. Und schon war der
Streit um die Glocke da.

Der
Wechsel ins neue Jahrhundert brachte auch einen Wechsel in der Landes-
und Bistumszugehörigkeit. Das alte Reich brach zusammen, die
Neuordnung der Länder und die damit verbundene Säkularisation führte
zum Ende der Kurpfalz, vieler geistlicher Besitztümer und auch zum
Ende des Bistums Worms. Bedingt durch die Kriege nach der Französischen
Revolution, die wieder einmal über Jahrzehnte hinweg großes Leid über
die Bevölkerung brachten, wurde der rechtsrheinische Rest der Diözese
Worms durch das wormsische Vikariat Lampertheim verwaltet. Der
bisherige Bischof von Worms, Erzbischof von Mainz und Bischof von
Konstanz, war inzwischen Erzbischof von Regensburg. Staatlich gehörten
die meisten Orte des Vikariats Lampertheim seit 1802 zu Baden, und so
setzte der Großherzog durch, daß seine 120 Orte ab 1812 vom
speyerischen Vikariat Bruchsal betreut wurden.
Erst
1818 war das Gebiet der neuen Erzdiözese Freiburg festgelegt, dann
dauerte es noch einmal neun Jahre, bis ihr erster Erzbischof gewählt
werden konnte, Bernhard Boll.
Was
bedeutete das für Sandhausen? Nachdem das Franziskanerkloster 1802
durch Baden aufgelöst wurde, (die Klöster mit Besitz hatte schon
vorher der katholische bayrische Kurfürst aufgelöst) war auch in
Leimen kein Franziskanerpater mehr. Daher schreiben »die gehorsamsten
Gemeindeleute von Sandhaußen« einen Brief an den Geistl. Rat
Mittnacht, Pfarrer in Hofheim und Leiter des Vikariats Lampertheim.
Weil dieser Brief interessante Einblicke gibt, sei er in großen
Teilen aufgeführt:
»Hochwürdig
Geistlich Vicariat! Die Orten Sandhaußen - Sandilien und Bruchhaußen
gehören in die Pfarrey nach Leimen. - Die Kirche zu Leimen aber
enthaltet nicht die Menschenzahl der Pfarrey wodurch es dann öfter
geschah, daß zur Winterszeit oder anderem Unwetter die Fremde unter
der Kirchenthüre oder gar vor der Kirche unter freiem Himmel ihre
Andacht verrichten mußten. Hierüber beschwerten sich die Fremden
besonders die Gemeinde Sandhaußen bei der Kirchen- Commission zu
Mannheim mit dem bittlichen Antrag zu Haltung eines Geistlichen für
die Kirche in Sandhaußen ein Gratiale (Vergütung) zu erhalten; die
Kirchen- Commission sah die Billigkeit ein und ertheilte eine
Anweisung alljährlich auf 100 fl - die besagte Kirche zu Sandhaußen
bezogen nun 19 Jahre lang diese 100 fl und würde sie noch beziehen
wenn nicht durch Aufhebung der Klöster die Haltung der Gottesdienste
unterbrochen worden ... so machte die Gemeinde Sandhaußen ihrem Herrn
Pfarrer den Antrag, gegen beziehung dieser ihnen von der Kirchen-
Commission zu Haltung eines Geistlichen alljährlich verbrieften 100
fl den Gottesdienst in Sandhaußen so wie derselbe von dem Herrn
Kloster Geistlichen verrichtet worden, zu halten. Der Herr Pfarrer zu
Leimen willigte auch so weit in ihren Antrag ein, nur, daß er statt
in Sandhaußen zu Sandillien binnieren (den zweiten Gottesdienst
halten) wolle . . . . Wir haben allerdings Gründe, hiergegen
gehorsamst uns zu beschweren, , . . fürs erste ist Sandhaußen der
Mittelpunkt von den 3 Filialorten ... zweitens ist Sandhaußen eine
halbe Stunde von Leimen so wie Sandillien, nur mit dem Unterschied, daß
der Weg nach Sandhaußen von Leimen aus noch bei weitem angenehmer und
besser ist als jener nach Sandillien (St. llgen), wobei sich überdies
noch die Gemeindeglieder von Sandhaußen anheischig machen auf den
Fall wegen Unwetter der Weg nicht passabel seye, den Herrn Pfarrer
durch einen Wagen oder Pferde abholen zu lassen . . . drittens auf den
Fall der Gottesdienst zu Sandillien gehalten würde so müßte die
Gemeinde Bruchhausen eine halbe Stunde weitergehen, welche, zur
Winterzeit oder anderen ungestümten Witterung gewiß in Anschlag zu
bringen ist. viertens enthaltet Sandhaußen 63 familien Sandillien
aber nur 15 bis 16 ... fünftens (hier ist lang ausgeführt, daß die
100 fl auf Sandhausen und nicht auf Sankt Ilgen bezogen sind, wenn man
die rechtliche Seite des Falles bedenkt). Sollte aber der Herr Pfarrer
dieß zu thun sich weigern (bitten wir) uns gnädigst zu erlauben, daß
wir uns einen anderen Herrn Geistlichen zu Haltung unseres
Gottesdienstes annehmen dürfen. « (FR),
Da
uns dieser Brief nur in einer Abschrift erhalten ist, fehlen die
Unterschriften Die Namen der Sandhäuser Katholiken kennen wir jedoch
aus einer anderen Urkunde. Man scheint sich geeinigt zu haben, denn
Pfarrer Franck von Leimen mußte 1804 dem Vikariat die Namen seiner
Gemeinde samt Filialen melden (status animarum).
Unter Sandhausen lesen wir: Becker, Biazolo, berberich, dauth, finzer,
gängel, hallbauer, hardtmann, hermes (2 x), hilpertin, hippler,
honig, Kilian, Kletti (2x), Keller, Klinglin, Knauber, gänzler, Kopp
(4 x), lersch, Mayer (2 x), Matern (3 x), Meixner (2 x), Müller (5x),
ludimag, persingin, petri (3x), Rauch, Rohrig, Rustaff, Sailer (2 x),
Scheid (2 x), Schmittin, Stemler, Sterzenbach, Schneidern, trotter
(2x), Ussmann, Willnauer, Ziglern.
Unter Bruchhausen: baader, Bayer, doerr, hoeff, lig, Kein, Müllern,
Schneider, Schickel, hoffelder (2x), Kilian, Schäffern, Engelharthin
(7 Mägd, 5 Knecht bey Reformirten dienstherr (FR).
Diese Meldung mit den Name diente dem Vikariat zur Oberprüfung der
Einhaltung der Osterpflicht (Beichte und Kommunion). Die strenge
Fastenordnung die damals noch gültig war, wurde wegen der schwierigen
Zeitumstände gemildert, wie wir aus Hirtenbriefen entnehmen können.
Ab
1810 werden für Sandhausen eigene Kirchenbücher geführt, auf
Anordnung der staatlichen Behörde in deutscher Sprache. Da der
protestantische Landesherr gleichzeitig Bischofsrechte in seiner
Kirche wahrnahm und ähnliches auch in der katholischen Kirche
versuchte, kam es öfters zu Spannungen. Impfung und jährliche
Rekrutierung mußten in der Kirche verkündet werden.
Von
1825-28 wird Sandhausen (wie auch Leimen) von Nußloch aus
seelsorgerisch betreut, und nach einer Neueinteilung der Filialen ist
bis 1838 Walldorf für Sandhausen und St. Ilgen zuständig. Wir haben
noch die vom Ministerium des Innern genehmigte Gottesdienstordnung
(229/109716):
»Die
Pfarrei Waldorf hat mit Hilfe des ihr noch im Laufe des Jahres
zugehenden Kaplans
1)
die Pastoration der beiden Orte (Sandhausen und St. Ilgen) im
allgemeinen zu besorgen und insbesondere
2)
denselben alle Sonn- und Feiertage morgens um 9 Uhr vollständigen
Gottesdienst, e i n e n Sonntag mit Amt und Predigt, den a n d e r e n
mit Amt und Christenlehre ... einmal zu Sandhausen, das andere mal zu
St. Ilgen abwechselnd zu halten ...
3)
die Haltung des nachmittäglichen Gottesdienstes an beiden
Orten ist, alle Sonn- und Feiertage nach genau bestimmter
pfarramtlicher Weisung durch die Schullehrer zu besorgen
4)
die ersten Tage der Weihnachten, der Oster- und der
Pfingstfeier wird Sandhausen den Gottesdienst haben, den zweiten in
St. Ilgen
5)
an den letzten Tagen der Karwoche ... haben die beiden Filialen
keinen Gottesdienst, sondern sind verpflichtet, demselben zur
Anerkennung ihrer Mutterkirche in Waldorf beizuwohnen
6)
Am Fronleichnamstag hält Kaplan in Sandhausen morgens um 6 Uhr
Frühmesse cum expositione SSmi (mit Aussetzung des
Allerheiligsten) unter deutschen Volksgesängen darnach die
Filialisten zum feierlichen Umgang im Pfarrort erscheinen
7)
(Bittgang mit den Filialisten in den Fluren)
8)
Der Kommunionunterricht ist in Walldorf ... damit ihnen mit der
dortigen Jugend dieser Unterricht in Einförmigkeit ertheilt werde«
Weiter wird bestimmt, daß Trauungen und Taufen in den Filialorten
selbst vollzogen werden und unter der Woche die Schule an beiden Orten
einmal besucht wird.
8.
April 1828 Dr. v. Vicari Generalvikar
Der
Unterzeichner war später in der Zeit des Kirchenkampfes in Baden
Erzbischof und stand unter Hausarrest. Nach seinem Tod hatte die Diözese
bis 1882 14 Jahre keinen Erzbischof mehr. Ab 1838 bis 1862 war dann
wieder Leimen Mutterkirche der beiden Filialen. Wie arm die Sandhäuser
Kirchengemeinde war, wird aus zwei weiteren Vorgängen deutlich:
1839
(229/91222) hatte der Blitz in die Kirche eingeschlagen, die Orgel war
zerschmettert, einige Pfeifen geschmolzen und die Mensur unbrauchbar.
Weil die Gemeinde allein das Geld nicht aufbringen konnte, bestimmte
die Regierung des Unterrheinkreises in Mannheim deswegen eine Kollekte
im Oberamtsbezirk, die von den Ortsvorständen zu erheben war. Von den
83 Gulden und 58 Kreuzern die einkamen, stammen immerhin 5 aus
Sandhausen. Die Reparatur führte ein Orgelbauer aus Nußloch aus.
1854
(FR 24 848) kam es wegen Vermietung der Kirchenspeicher Sandhausen und
St. Ilgen zu ernsten Auseinandersetzungen zwischen dem Ordinariat und
der Regierung des Unterrheinkreises. Das Ganze kam so: Der neue
Pfarrer von Leimen trug Bedenken gegen die Vermietung der
Kirchenspeicher zum Trocknen von Tabak und Hopfen und legte Einspruch
dagegen zumal die Kirchenspeicher nur durch Kirche begangen werden können.
Mieter hätten sogar eigene Schlüssel, der in St. Ilgen sei
Nichtkatholik, der andere wohl Katholik, führe aber in Wirtshäusern
gehässige Reden gegen die Kirche und habe sich auch schon an fremdem
Eigentum vergriffen. Die Regierung lehnte den Einspruch als ebenso
unbegründet wie gehässig ab, zumal das Ganze zum Vorteil des
Stiftungsfonds dieser Gemeinden sei. Das Ordinariat verbat sich den
Ton, stimmte aber unter der Bedingung, daß der Schlüssel bei der
Kirche bleibe, der weiteren Verpachtung zu, »weil auch in früheren
Jahren solche Verpachtungen geschehen sind und die Local Kirchenfonds
dieser kleinen Gewinne dringend bedürfen «.

Inzwischen
war die Katholikenzahl auf 517 angewachsen, der Hof Bruchhausen hatte
35. Sandhausen brauchte einen eigenen Pfarrer. Um dies zu
verdeutlichen schreibt der Stiftungsvorstand im Jahr 1860 an das
Ordinariat: »Es geschieht vieles, das dem 3/4
Stunden entfernten Seelsorger entgehen muß, der nur zweimal in der
Woche den Ort besuchen kann, . . der größte Theil der jungen kath.
Bevölkerung sucht wegen seiner Armut Verdienst in der Fabrik«.
Dadurch würde der Glaube untergraben und die Sitte gefährdet (FR
24848). Voraussetzung für eine selbständige Pfarrgemeinde war ein
Pfarrhaus und die Sicherstellung der Bezahlung eines Pfarrers. Durch
die hochherzige Stiftung des Geistlichen Rates und Dekans Mühling aus
Handschuhsheim (Testament von 1859) war der Grundstock dafür da, ein
Pfarrhaus zu bauen und einen Geistlichen zu bezahlen. Die politische
Gemeinde überließ ebenfalls 1859 den notwendigen Grund und Boden
unentgeltlich. So konnte schon 1861 auf dem Gelände des ehemaligen
Friedhofs ein einstöckiges Pfarrhaus fertiggestellt werden.
Am
2. Oktober 1862 kam mit Karl Wirnser der erste Pfarrverweser nach
Sandhausen. Gerade noch vor dem Ausbruch des Kirchenkampfes in Baden
waren alle rechtlichen Voraussetzungen geschaffen und die
Errichtungsurkunde vom 18. Februar 1864 schriftlich niedergelegt.
» Wir erklären die
Pfarrkirche Sandhausen andurch für errichtet und wollen und bestimmen
hiemit, daß die Katholiken in Sandhausen und Bruchhausen in diese neu
errichtete Pfarrei eingepfarrt seien. Die Kirche in Sandhausen soll
demnach alle einer Pfarrkirche zustehenden Rechte, so einen decenten
Tabernakel, einen eigenen Taufstein, die heiligen Oele und alles
Andere haben und besitzen, was zur Spendung der heil. Sacramente und
Heilswahrheiten nöthig ist und in derselben aufbewahrt wird... Wir
entsprechen zugleich Unserer Pflicht die Pfarrkirche zum heiligen
Bartholomaeus in Sandhausen mit einem tauglichen Pfarrer zu versehen.
« (230/312)
Der
volle Allmendgenuß in Sandhausen, den vorher die kath. Pfarrei Leimen
für die seelsorgliche Betreuung bekam, wurde auf die Pfarrei
Sandhausen übertragen. Das entsprach einem ungefähren 308
Jahresbeitrag von 50 fl.
Ein
richtiger Aufbau der seelsorglichen Arbeit war dennoch nicht möglich,
wie die Tatsache zeigt, daß die Gemeinde in den ersten 14 Jahren von
11 Pfarrverwesern betreut wurde. Anders wurde es erst unter Dr.
Wilhelm Korn. Er war vorher Kaplan in Rom und promovierte dort zum
Doktor der Rechte. 1876 kam er als Pfarrverweser und wurde 1882 als
erster Pfarrer investiert. Ins gleiche Jahr fällt die Aufstockung des
Pfarrhauses. Auch der älteste noch bestehende Verein, der kath.
Kirchenchor, wurde unter Pfarrer Korn gegründet (1881). Weil die
Katholikenzahl immer mehr anstieg, inzwischen waren es über 800,
versuchte er eine Vergrößerung der Kirche zu erreichen.
Das
kleine Kirchlein hatte nämlich nur etwa 190 Sitzplätze. Das hatte
zur Folge, daß kein Schulkind einen Platz in den Bänken hatte. Sie
mußten sich wahrscheinlich im Chorraum zusammendrängen. Die
Jugendlichen waren auf der Emporenstiege oder auf der Empore, während
viele Erwachsene in den Gängen oder gar auf der Straße den
Gottesdienst mitfeierten. Im Winter bedeutete das, daß die Leute zum
Teil umkehren mußten, denn man konnte nicht wie im Sommer die Türe
offen lassen. Auch der bauliche Zustand der alten Kirche war nicht
mehr der beste: der Altar wurde naß und an dem Stützblech über der
Orgel hingen Wassertropfen. Eine gegenüberliegende Fabrik war 1885
gerade käuflich und man hatte die Idee, sie als Kirche zu benutzen.
Das Erzbischöfliche Bauamt - damals in Mosbach untergebracht - überprüfte
die Lage vor Ort. Dabei erwies sich die Fabrik vom Mauerwerk her als
nicht geeignet für die Nutzung als Kirche; eine Erweiterung der alten
Kirche dagegen wurde als gute Möglichkeit aufgezeigt. Das Ordinariat
bestätigte anschließend die Notwendigkeit einer Erweiterung, doch es
fehlten die Mittel. Aber Pfarrer Korn ließ nicht locker: »Wie sehr
die Sache der Gemeinde selbst am Herzen liegt, sieht man daraus, daß
durch die wöchentlich stattfindenden Sammlungen in den Fabriken über
2000 M zusammen gebracht wurden.« (FR 10 757) 10 bis 30 Pfennig ließen
sich die Katholiken in den Zigarrenfabriken wöchentlich von ihrem
geringen Lohn abziehen.
Auch
der nachfolgende Pfarrverweser Hasenfuß drängte weiter; zusammen mit
dem Stiftungsrat schrieb er 1893 nach Freiburg: »Durch die schon seit
10 Jahren hinausgeschobene Restauration der Kirche sind Wände, Bänke,
Dach und Glockenstuhl in einem Zustand, der den Spott der Andersgläubigen
hervorruft. « Gleichzeitig bittet er um einen in Bausachen erfahrenen
Nachfolger für sich (FR 10757).
Unter
seinem Nachfolger Ignaz Blöder 1894-99 Pfarrer in Sandhausen, ist es
endlich soweit. 1896 ist die Grundsteinlegung für den
Erweiterungsbau. Da man wegen der hohen Tuberkulosesterblichkeit
annahm, die Katholikenzahl werde eher ab- als zunehmen, ging man der Möglichkeit
eines Neubaus auf der gegenüberliegenden Seite nicht mehr weiter
nach. Vielmehr wurde an das bestehende Kirchlein, das jetzt das
Langhaus bildet, Querhaus, Chor und Turm angebaut. Der frühere
Hochaltar in neuromanischem Stil wurde durch einen Altar im Barockstil
ersetzt, die zwei alten Glocken abgegeben und vier neue angeschafft,
die Orgel wurde repariert. Im Juni 1897 ist - noch vor der feierlichen
Einweihung an Peter und Paul - der erste Notgottesdienst in der
erweiterten Kirche. Der neue Kirchturm bestimmte jetzt zusammen mit
dem der evangelischen Christuskirche die Silhouette von Sandhausen. In
die Zeit von Pfarrer Blöder fällt auch der Bau eines
Schwesternhauses (1895). Niederbronner Schwester ziehen ein und sind für
Krankenpflege, Kindergarten und Nähschule verantwortlich. Von 1899
bis 1901 ist Pfarrverweser Johann Beck in Sandhausen.

Die
alten Sandhäuser kennen Rettich und Mus als Parteien, die bei den
Wahlen gegeneinander antraten und sich nichts schenkten. Angefangen
hat aber alles ganz anders. Am 28. Februar 1901 kam Pfarrer Bartholomäus
Kempf nach Sandhausen. Er war »ein großer, stattlicher und stets
leutseliger Mann«,
und nach der Erinnerung eines alten Sandhäusers hat er Tauben gezüchtet.
In seiner Zeit hier promovierte er an der Heidelberger Universität
zum Doktor der Philosophie (1907). Auf den rückwärtigen Seiten des
Standesbuches von Bruchhausen (von Pfarrer Böser 1944 herausgetrennt)
trug er seine Sandhäuser Erinnerungen ein. Er beginnt:
»Auf diesen Blättern
mußt Du lesen,
Wie's in Sandhausen einst gewesen. «
Nach
jetzt 80 Jahren kann man daraus einiges zitieren (auch aus den
entsprechenden Akten im Freiburger Diözesanarchiv), ohne alte Wunden
aufzureißen. Um dennoch niemandem zu nahe zu treten, werden Namen
weggelassen.
»In Sandhausen, auf
meinem ersten Pfarrersposten, verliefen die vordersten 5/4 Jahre in
Ruhe und Frieden. Um Gemeindepolitik kümmere ich mich nicht ... Ich hörte
ab und zu, daß die Sängerinnen im Kirchenchor sich über allerlei
Parteilichkeiten . . . von seiten des Organisten beklagten ... Ich kümmerte
mich um dergleichen Differenzen gar nicht « Das sollte sich aber bald
ändern. »Maien 1902 brach an ... An diesem ersten Maisonntag war
auch ein Preissingen für weltliche Gesangvereine in dem nahen
Oftersheim. « Der Dirigent und Organist war zusätzlich auch Dirigent
eines solchen. (Der Männergesangverein Cäcilia wurde erst 1907 gegründet)
» Von der Teilnahme am Gottesdienst als Organist hatte er sich
entschuldigt ... Im Verlaufe des Nachmittags kamen dann einige Sängerinnen
ins Pfarrhaus und fragten, was heute abend in der Maiandacht bei der
wahrscheinlichen Abwesenheit des Organisten zu tun sei. Ich gab ihnen
den Bescheid: Wenn der Organist kommt, wird er schon mit euch etwas
singen, kommt er nicht, dann singt ihr allein. Da das letztere nahe
lag, übten die Mädchen kurz in der Kirche noch einige Gesänge. Die
Maiandacht am Abend begann, und siehe, der Organist ist da. Ich
wunderte mich und die Mädchen ärgerten sich, daß er das einstimmige
>Maria zu lieben< als Predigtlied wählte. Das war wohl
Opposition gegen den Plan der Mädchen, denn die Stimmung war eine äußerst
gereizte. Nach der Predigt wurde das Allerheiligste zum Maialtar
getragen, und jetzt sangen die Mädchen, scheints auf Betreiben der Sängerin
X, einer großartigen Altistin, gegen Orgelintonation und gegen den
Willen des Organisten ein 2- oder 3stimmiges Liedle. (Der Organist)
packt auf und verläßt ohne weiteres in aller Stille die Kirche. Die
Anwesenden mit mir merkten nicht im geringsten den Vorfall und den
Grund, warum die Orgel versagte. «
Der
Organist schloß später einige Sängerinnen aus. Bei einer, Probe kam
es zu tätlichen Auseinandersetzungen und auf Betreiben des Organisten
zur Vorladung eines Mädchens vor den Bürgermeister wegen
Beleidigung., »Der protest. Bürgermeister (war) von einer Schuld des
vom Organisten angegriffenen Mädchens so wenig überzeugt als wir.«
Der Pfarrer setzt sich hier für die Sängerin ein und war damit in
den Streit hineingezogen. Der Organist verlangte 50 M Strafe, oder die
Sache ginge ans Landgericht. Er konnte sich nicht durchsetzen.
Daraufhin legte er sein Dirigentenamt nieder und spielte nur noch die
Orgel. Einige Gemeindemitglieder ergriffen für ihn Partei. Zu einer
weiteren Eskalation kam es an Fronleichnam. »Am Nachmittag schon, und
dann vorab für den übrigen Teil des Jahres 1902 und das 1. Viertel
des Jahres 1903 ging dann ein wahrer Hexensabbat los.« Bei einer »Nachfeier«
am Fronleichnamsnachmittag wurde der Cäcilienverein für aufgelöst
erklärt und ein Teil der Vereinskasse (18 M) in 180 Schoppen Bier
umgesetzt. Freiburg entsprach nicht dem Wunsch der Partei des
Organisten, den Pfarrer zu versetzen. Jetzt versuchte man es über den
Dekan in Schwetzingen, den früheren Sandhäuser Pfarrer Blöder, aber
auch nicht mit Erfolg. Anonyme Briefe gelangten ins Pfarramt. Auf
Antrag lieferte sie die Post gar nicht mehr aus. Deshalb schrieb man
die Briefe mit verstellter Handschrift und schickte sie von
umliegenden Orten. Um weiteren Druck auszuüben, trat der Organist
auch von diesem Amt zurück. Zum Glück wurde der alte Lehrer wieder
gesund und übernahm den Organistendienst. Es kam immer mehr zum
Klatsch in den Fabriken. Die Heimat des Pfarrers könne nicht mehr
lange Sandhausen sein. Nachdem die umliegenden Zeitungen nichts veröffentlichten,
stand im Karlsruher »Landesboten« vom 12. Juli 1902 ein Schmähartikel
gegen den Pfarrer. Ein Brief mit 9 Unterschriften ging nach Freiburg.
Aber der Großteil der Gemeinde war auf seiten des Pfarrers:
»Hochw.
Herr Pfarrer Kämpf versieht an hiesigem Orte seine Stelle als
Geistlicher und Seelsorger in jeder Hinsicht mit bewundernswerter
Aufopferung ... (Es) äußert sich aber auch in hiesiger Gemeinde laut
und öffentlich die Unzufriedenheit gegen jene Personen, die Hochw.
Herrn Pfarrer Kämpf durch Entstellung und Unwahrheiten offen und
versteckt anschuldigten.«
(Aus einem Brief des Kirchengemeinderates und der Bürger mit 109
Unterschriften)
Es
kamen die Namen Rettich und Mus auf. Pfarrer Kempf schreibt:
»Eines schönen
sonntags- stand auf der Türe zum Nebenzimmer (der Krone)
Rettichverein in großen Kreidebuchstaben . . . über den Häuptern
der frohen Zecher (hing) ein gewaltiger Rettich an einer Schnur von
der Decke herab. Er war oben angebohrt ... Ich erwähne (dies)
deswegen, weil (es) den Namen abgab zur Bezeichnung der Partei. . .
Rettich. Später erhielt der Name politische Färbung u. man
bezeichnete mit Rettich allgemein die Oppositionspartei gegen das
Rathaus, gegen den Bürgermeister Hambrecht . . . (Vorerst galt aber
noch:) Rettich wurde förmlich Feldgeschrei für die Partei X (der
Organist war nicht der Anführer!) u. Mus für den Anhang des
Pfarrhauses. Warum nun den Anhang des Pfarrhauses Mus nennen? Die
Sache kam so: Wenn Kinder, mitunter auch schon in erwachsenem Alter
meiner Schwester oder für mich (etwas)... besorgten, gab meine
Schwester, wie schon seit Jahren gewohnt u. ich denke, fast in allen
Pfarrhäusern Brauch, ein Stücklein Brot mit Honig oder Gelee... oder
wie man hier sagt Mus. "
Im
Januar 1903 gingen Vertreter der Rettichpartei »in teilweise
gepumpten Zylinderhüten nach Freiburg . . . Ich hörte nachträglich
einmal gelegentlich, daß sie beschieden wurden in die Wohnung des H.
Weihbischofs Knecht und daß sich (einer) in der Tat erfrechte, dort
mit der Faust auf den Tisch hineinzuschlagen. Daraufhin sollen sie
fortgejagt worden sein ... Etliche Tage nach dieser Freiburg-Reise
lief einer der Getreuen ... bei den Gleichgesinnten herum und zog 50
Pfennig ein pro Kopf zur Bestreitung der Auslagen für die
Freiburg-Reise. «
Nochmals
weisen der Stiftungsrat, der Verwaltungsrat des Schwesternhauses und
der Verwaltungsrat des katholischen Arbeitervereins im April 1903 in
einem Brief nach Freiburg alle Anschuldigungen gegen den Pfarrer zurück.
Die
Niederbronner Schwestern - ihre Oberin war an Tuberkulose gestorben
werden auch in den Streit mit hereingezogen. Die Rettichpartei gründete
einen Konkurrenzkrankenverein, wodurch die Schuldenrückzahlung für
das Schwesternhaus gefährdet war. Daraufhin gehen die Niederbronner
Schwestern am 1. Mai 1904. Bis im Oktober 1904 die Schwestern aus dem
Provinzhaus Hegne kamen - sie betreuen heute noch Krankenpflege und
Kindergarten - sorgten der Bürgermeister und der evangelische Pfarrer
Hauß für Unterstützung in der Krankenpflege. Ein Mitglied der
Pfarrgemeinde sorgte für Kinderbetreuung, ein anderes für die Nähschule.
Die neuen Schwestern halfen durch ihre besonnene Art mit, das Klima zu
verbessern. Der Streit wurde jetzt mehr, politisch, was Bürgermeister
Hambrecht noch zu spüren bekam (siehe an anderer Stelle dieses
Buches).

Auf
Pfarrverweser Wilhelm Frei, »der es mit seinem Humor verstand, manche
Woge zu glätten«,
folgte schon ein Jahr später Pfarrer Karl Wittemann (1909-1920). Er
muß ein strenger Pfarrer gewesen sein, denn von seiner »Christenlehrdisziplin«
sprach man noch lange danach. Im Krieg rief nur eine Glocke zum Gebet
und zu den Gottesdiensten, drei mußten für Kriegszwecke abgegeben
werden. Im vorletzten Kriegsjahr wurde der Mütterverein gegründet.
Obwohl die Katholikenzahl auf über 1100 angestiegen war, wurde der
Antrag des Pfarrers auf Einführung einer Frühmesse abgelehnt. Eine
neue Orgel mit 10 Registern wurde in Auftrag gegeben. Trotz der großen
Not nach dem verlorenen Weltkrieg brachte man das Geld auf. Unter
Pfarrer Jakob Simon (1920-1929) konnte sie, um 2 Register erweitert,
1921 feierlich eingeweiht werden. Die verbliebene Glocke wurde ein
Jahr später umgegossen und das Geläut durch zwei weitere Glocken ergänzt
(fis-ais-cis).
Was
geschah noch? Lassen wir das Dr. Wilhelm Rausch (t 1978) erzählen,
der fast 60 Jahre Dirigent des Kirchenchors war: »Der Kindergarten
wurde durch einen Vorbau erweitert, um ihn der damaligen Bevölkerungssituation
anzupassen, und eine neue Weihnachtskrippe wurde angeschafft. Zu erwähnen
wären auch die frohen Zusammenkünfte am Nachmittag des
Fronleichnamstages, die gesanglich und musikalisch umrahmt wurden. Man
muß sich heute vergegenwärtigen, daß es damals noch keinen
Rundfunk, kein Fernsehen, keine Musikbox, kein Kino mit ihrer ständigen
Berieselung durch allerlei Eindrücke gab und die Leute für eine
solche Abwechslung zum Berufsalltag dankbar waren.«
Zur Seelsorge schreibt der ehemalige Militärpfarrer: »Die
Pastoration ist infolge des Wesens des Pfälzers äußerst schwierig
und stellt an die Geduld und Klugheit des Seelsorgers die größten
Anforderungen.« (Am Rande sei noch bemerkt, daß in dem gleichen
Bericht nach Freiburg der kath. Turnerbund Germania mit 60 Mitgliedern
erwähnt ist.)
Auf
Pfarrer Simon folgte Pfarrer Theodor Böser. Geboren 1892 in
Ludwigshafen, wurde er 1914 zum Priester geweiht. Nach Kaplansjahren
in Meersburg und Pforzheim war er Präfekt am Erzbischöflichen
Gymnasialkonvikt in Tauberbischofsheim und von 1921 bis 1929
Geistlicher Lehrer in Sasbach. Bis 1956 war er 27 Jahre lang
Seelsorger in Sandhausen, um dann noch einmal 7 Jahre als
Gymnasiallehrer in Heidelberg tätig zu sein. Im Januar 1963 fand er
in Sandhausen seine letzte Ruhestätte, die noch heute eine der
Stationen bei der Gräberprozession am Allerheiligentag ist. Der
Chronist kann aus dieser bis jetzt längsten Zeit eines Pfarrers in
Sandhausen nur einiges herausgreifen. Die Zahl der Katholiken betrug
über 1200, die Versetzung der Kanzel brachte in der zu kleinen Kirche
nur wenige zusätzlich Plätze. Deshalb wurde die Gottesdienstordnung
an Sonntagen geändert. Zusätzlich war um 7 Uhr Frühmesse, um 9 Uhr
dann der Hauptgottesdienst, um 13 Uhr Christenlehre und um 13.30 Uhr
Andacht, die ab und zu auch abends stattfand. Eine Art
Pfarrfamilienheim war der Saal des »Pfälzer Hofs«. Dort versammelte
man sich auch oder spielte Theater.
1933
wurde durch Stiftung von Hauptlehrerin Uihlein ihre Scheuer beim
Pfarrhaus in einen Saal umgebaut mit Bühne, 100 Sitzplätzen und etwa
50 Stehplätzen. Das war nun »St. Wolfgang«, der Pfarrsaal der
Gemeinde über viele, viele Jahre. Wie Pfarrer Böser 1938 über das
Leben in der Gemeinde schreibt, waren trotz »Gleichschaltung«
kirchenfeindliche Bestrebungen kaum merklich, dafür war aber der
Gegensatz zwischen Katholiken und Protestanten noch recht stark. Eine
große Schwierigkeit für die religiöse Kindererziehung sah er darin,
daß die Mütter beinahe restlos in den Fabriken arbeiteten.
Hausbesuche waren so auch kaum möglich.
1940
feierte der erste Sandhäuser Neupriester, Walter Trotter, seine
Primiz. Die Feier war nicht einfach, weil von der NSDAP aller Straßenschmuck
und alles Religiöse in der Öffentlichkeit verboten war. Da man sich
nicht daran hielt, wurde nachträglich eine Strafe ausgesprochen.
Leider
wurde Walter Trotter 1944 ein Opfer des Krieges.
Wie
während des Ersten Weltkrieges wurden auch diesmal die großen
Glocken abgeholt (1942). Nach dem Krieg ging es Pfarrer Böser
gesundheitlich nicht gut. Die Zahl der Katholiken stieg durch die
Aufnahme der Heimatvertriebenen sprunghaft an; waren es 1944 noch
1350, so zählte man 1946 über 2300. Zum Glück bekam Pfarrer Böser
vom August 1945 an einen Kaplan, der ihn in der Seelsorge unterstützte
und mit vielen freiwilligen Helfern eine Sache in Angriff nahm, für
die die Gemeinde schon 15 Jahre gespart hatte. Die Kirche bedurfte
sowohl innen wie auch außen einer gründlichen Renovation. Der
Altarraum, der dunkelblau getüncht und mit goldenen Sternen übersät
war, wurde heller. Die Decke bekam drei neue Gemälde: In der Vierung
die Verklärung Christi, im Längsschiff das Martyrium des hl.
Bartholomäus und über der Empore die hl. Cäcilia, ausgeführt durch
den Kunstmaler Brischle aus dem Kinzigtal. Vor allem das erste Bild
ist bei näherem Betrachten interessant: Den Hintergrund der Verklärungsszene
bildet Sandhausen mit der Bartholomäuskirche links und Hopfenäckern
rechts.
Die
Empore wurde erweitert, die Kirche bekam endlich eine Heizung. In brüderlichem
Sinn stellte die evangelische Gemeinde während der
Erneuerungsarbeiten ihr Gotteshaus für den sonntäglichen
Gottesdienst zur Verfügung. Bei den politischen Wahlen zeigten sich
die konfessionellen Spannungen dagegen deutlich. Leider wurde Kaplan
Friedel schon zu Beginn des Jahres 1947 versetzt.
Vorbereitet
durch einen Bazar im Saal »Zur Quelle« konnten 1951 mit starker
Unterstützung der politischen Gemeinde neue Glocken angeschafft
werden. Ein festlicher Zug führte die Glocken zusammen mit den neuen
Glocken der evangelischen Gemeinde durch die Straßen von Sandhausen.
Pfarrer Becker und Pfarrer Böser saßen zusammen auf einem Festwagen.
Bei diesem Anblick sollen ein evangelischer und ein katholischer
Nachbar ihren jahrelangen Streit begraben haben: »Wenn die
beieinandersitzen, können wir das auch.« Pfarrer Böser sprach zur
Glockenweihe den Wunsch aus: »daß der harmonische Zusammenklang der
Glocken beider Kirchen immer mehr in dem EINEN HERRN CHRISTUS auch den
Zusammenklang aller wahren evangelischen und katholischen Christen zur
Folge haben möge.« Heute hängen diese 4 Glocken (f', as', b', des'
mit 736 kg, 434 kg, 282 kg, 221 kg), die der heiligen Familie und
Maria Goretti geweiht sind im Turm der Dreifaltigkeitskirche mit zwei
weiteren Glocken (des' und es' mit 1605 und 1080 kg) 1968 ebenfalls
von Abt Ohlmeyer geweiht und dem Patronat der beiden Kirchen gewidmet:
Dreifaltigkeit und Bartholomäus. 1954 ist das Gründungsjahr der DPSG
(Deutsche Pfadfinderschaft St. Georg) in Sandhausen.
Von
1956 bis 1961 wirkte Pfarrer Erich Weber in Sandhausen. Die Zahl der
Katholiken war wieder gewachsen auf in zwischen 2800. Unter Pfarrer
Weber wird der Kindergarten St. Josef umgebaut und stark erweitert
(1958).
1960
feierte Werner Heeg, heute Pfarrer in der Diözese Mainz, in
Sandhausen Primiz.
Das
Fabrikgebäude hinter dem Kindergarten - noch von Pfarrer Böser
gekauft - wird unter viel freiwilliger Mitarbeit zu St. Elisabeth.
Damit hatte die Pfarrgemeinde einen großen Saal und die Jugend Räume.
Unter
Pfarrer Helmut Manz (1961-63) konnte man das 100-jährige Bestehen der
Pfarrgemeinde Sandhausen mit Missionsbischof Olbert aus Dossenheim
festlich begehen.
Auf
seinen Nachfolger Pfarrer Karl Breunig (1963-72) warteten große
Bauaufgaben.

Die
Bartholomäuskirche platzte aus allen Nähten. Alles weitere sagt uns
die Kopie der Urkunde zur Grundsteinlegung.
Am
27. Oktober 1968 wurde die Dreifaltigkeitskirche durch Weihbischof
Karl Gnädinger eingeweiht. Vom 40 Meter hohen Turm läuteten alle 6
Glocken zu diesem großen Ereignis. Die Kirche ist geostet (wie übrigens
auch die erste Kirche in Sandhausen, St. Peter, geostet war). Das hat
symbolische Bedeutung: So wie die Sonne, die uns Licht und unser
irdisches Leben bringt, im Osten aufgeht, so soll uns Christus in
unser Christenleben Licht und Wärme bringen. Durch ihre
Raumgestaltung versucht die, Kirche die Grundgedanken der
Liturgiereform des 2. Vatikanischen Konzils (1962-65) zu unterstützen:
Das WORT (jetzt nicht mehr in Latein wie die Jahrhunderte zuvor,
sondern in der Muttersprache) und das MAHL (der Priester jetzt bei der
Meßfeier dem Volk zugewandt) wollen den Mittelpunkt deutlich machen:
Jesus Christus. Darum hängt auch das Kreuz als Symbol Christi im
Mittelpunkt des Chorraumes.
Schon
vor dem Eintreten wollen die beiden Portale an Wort und Mahl erinnern:
Das linke Portal an das Wort - besonders deutlich die Symbolfiguren
vom Splitter und Balken im Auge - das rechte Portal an das Mahl. Es
sprengt den Rahmen dieser kurzen Chronik, all die offenen und
versteckten Symbole zu nennen. Es lohnt sich, die Kirche einmal selbst
in Ruhe von außen und innen zu betrachten. Der »Kleine Führer«
(Kunstführer Nr. 932 Verlag Schnell & Steiner, am Schriftenstand
käuflich zu erwerben) kann wertvolle Hilfe sein. (Vgl. auch die Ausführungen
an anderer Stelle des Buches Seite 384 ff.)
In
der Zeit zwischen Planung und Grundsteinlegung der neuen Kirche
feierte die Gemeinde die Primiz von Heinz Neckermann (1965), der nach
langer Zeit als Rektor des Studienheims in Rastatt inzwischen Pfarrer
einer südbadischen Gemeinde ist.
Wieder
durch das 2. Vatikanische Konzil angeregt, kam es auch in der
Mitverantwortung der Laien zu einer bedeutsamen Änderung: Nachdem
bisher der Stiftungsrat dem Pfarrer in Finanzfragen zur Seite stand,
gibt es seit 1969 den Pfarrgemeinderat. Er wird alle vier Jahre neu
gewählt und soll den Pfarrer bei den vielfältigen pastoralen
Aufgaben unterstützen.
Vorsitzende
waren:
Heinrich Lersch (1969-73),
Viktor Hermes (1973-77),
Jakob Petri (1977-81),
Horst Münch (1981-85),
Klaus Dörr (1985-1995),
Ernst- Ullrich Gudewill (seit 1995).
Das
zweite große Projekt war der Bau eines Kindergartens. Der zweite
Kindergarten im alten St. Elisabeth (inzwischen verkauft und zum
Schulgebäude umgebaut) war nur eine Übergangslösung. 1971 wurde mit
den Bauarbeiten begonnen, und 1973 konnte das neue Gemeindezentrum mit
dem neuen Kindergarten St. Elisabeth, Krankenstation,
Schwesternwohnungen, Gemeindesaal, Jugendräumen und einer Kegelbahn
eingeweiht werden. Wie auch bei früheren Aufgaben konnte durch die
tatkräftige Mithilfe vieler Gemeindemitglieder die finanzielle
Belastung günstiger gestaltet werden. Inzwischen war seit 1972 Josef
Linemann Pfarrer. Die Folgekosten bereiteten ihm und der Pfarrgemeinde
oftmals große Sorgen. Es ist schon eine große soziale Aufgabe, zwei
Kindergärten mit sieben Gruppen und eine Kinderkrippe (die einzige im
weiten Umkreis) zu unterhalten.
Die
Katholikenzahl erreichte ungeahnte Größen (4733 Anfang 1983 war der
bisherige Höhepunkt, inzwischen geht die Zahl leicht zurück).
Scherzhaft könnte man sagen: »Wenn alle Katholiken Kirche gingen,
gingen nicht alle Katholiken in die Kirche.«
Da man dennoch mit Hoffnung in die Zukunft sehen soll, fand 1975 unter
dem Motto »Altes erhalten - Neues gestalten« ein großer Bazar
statt.
1976 konnte die alte Pfarrkirche innen renoviert werden. Weil viele
junge Menschen sich das Jawort fürs Leben gern in dieser Kirche geben
wollen und auch die Seelenämter nach der Trauerfeier auf dem Friedhof
hier gewünscht werden, wurde ein kleines Geläut angeschafft. Altabt
Ohlmeyer weilte am 12. Juni1982 zum drittenmal zu einer Glockenweihe
in Sandhausen. Die Glockeninschriften wollen an Dinge erinnern, die
wir nicht vergessen sollten:
Bereitet
dem Herrn den Weg (Glaube)
Der Herr ist meine Zuversicht (Hoffnung)
Einer trage des anderen Last (Liebe)
Wenn
wir dies beherzigen, dann kann auch ein zukünftiger Chronist davon
berichten, wie Aufgaben angepackt und Schwierigkeiten in gemeinsamen
Bemühen gemeistert wurden.

Amtliche
Kreisbeschreibung Heidelberg, Mannheim Bd. 1 und 11, Karlsruhe 1966 und
1968;
Brück,
Anton: Bistum und Hochstift Worms um das Jahr 1600, Archiv für
hessische Geschichte N. F. 25;
Büttner,
Heinrich: Das Bistum Worms und der Neckarraum während des Früh- und
Hochmittelalters, Archiv für Mittelrheinische Kirchengeschichte 10 Jg.
1958;
Dreifaltigkeitskirche
Sandhausen, Kunstführer Nr. 932 aus der Reihe »Kleine Führer«, München
1970;
Eberhardt,
Hildegard: Die Diözese Worms am Ende des 15. Jahrhunderts,
Vorreformatorische Forschungen 9, Münster 1919;
Groh,
Adam: Die Entstehung, Ausbildung und Bedeutung des Vikariats Lampertheim
in der Zeit des Übergangs des alten Erzbistums zum neuen Bistum Mainz,
maschinenschriftliche Dissertation: Mainz 1952;
Hans,
Alfred: Die Kurpfälzische Religionsdeklaration von 1705, Mainz 1973;
Heinrich,
Fridolin: Der Einfluß der Gemeinde auf das religiöse Leben der Pfarrei
auf Grund Kurpfälzischer Weistümer, Archiv für Mittelrheinische
Kirchengeschichte, 9. Jg. 1957.
Huth,
Hans: Die Petruspatrozinien der Diözese Worms, ZGO Bd. 110;
Lehr,
Rudolf. »Sandhaiser Leit«, Heidelberg 1983;
Manns,
Peter: Hrsgb. »Die Heiligen«, Mainz 1974;
Merz,
Ludwig: »Die Plätze beiderseits der Hauptstraße« in: »Lebensräume
in der alten Stadt«, Stadt Heidelberg 1978;
Müller,
Wolfgang: Katholische Kirche in: Das Land Baden-Württemberg 1,
Stuttgart 1977;
Neuer,
Dieter: Die Wiederentdeckung der Wolfgangskapelle bei Heidelberg-
Kirchheim, Ruperto Carola Bd. 48 1970;
Schmitt,
Hermann: Die Patrocinien der Kirchen und Kapellen im ehemaligen Bistum
Worms in: Wormatia Sacra, Worms 1925;
Widder,
Johann Goswin: Versuch einer vollständigen Geographisch-Historischen
Beschreibung der Kurfürstl. Pfalz am Rheine, Erster Theit, Frankfurt
1786. 31'.